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Ortsgeschichte von Neugersdorf

 
 

 

Mai 1306

Erste Erwähnung eines Gherardesdorpp in einer Urkunde der Markgrafen Otto und Woldemar von Brandenburg, Lausitz und Landsberg, in der sie 20 Dörfer im Lande Buddisin zur Stadt Löbau schlagen. Beinamen wie "Bösengerhardsdorff" (1408), "Gerhartstorff malum" (1419), "Bösengerisdorff" (1419) lassen auf ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse bzw. ein noch kleines Anwesen anläßlich einer Steuerbewertung 1419 schließen. Oder der Ort verdankt den bösen Beinamen dem vermeintlichen Räuberunwesen der feudalen Hofbesitzer. Zu belegen ist es nicht. Jedoch war der kleine Ort zur damaligen Zeit Fehden ausgesetzt.
 

 

10. Juni 1429

Der Ort wurde von den Hussiten vollständig vernichtet. Die Dorfstatt blieb jahrhundertelang wüst und überwaldete.

Wechselvoll ging es im Grundbesitz unter dem König von Böhmen und Lehnsherren Ferdinand I. weiter. Der 30-jährige Krieg brachte weitere einschneidende Veränderungen. Im Jahre 1635 schloß Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen mit dem Kaiser den Frieden zu Prag, in welchem der Kurfürst die Ober- und Niederlausitz erb- und eigentümlich erhielt, deren Grenzverlauf im wesentlichen dem heutigen entsprach.
 

 

1657

Auf dem zur Herrschaft Rumburg gehörenden Flurstück des Gersdorfer Waldes, das auf dem Territorium des Kurfürstentums Sachsen lag, wurde durch Graf Franz Eusebius von Poetting das Exulantendorf Neu-Gersdorf gegründet. Die Gründung begann mit 26 Häusern am Büttnerborn.
 

 

1662

Auf dem zur Stadt Zittau gehörenden Gebiete gründeten gleichfalls böhmische Exulanten freiwillig das Dorf Alt-Gersdorf östlich des Spreebornes mit 8 Häusern, den "Achthäusern".

Die Erwerbsmöglichkeiten gaben keine ausreichenden Voraussetzungen für den Lebensunterhalt der Siedler, und so wurde die Hausweberei zur zusätzlichen Erwerbsquelle, zumal sie dieses handwerkliche Können aus ihrer Heimat mitbrachten und dasselbe in den anderen Zittauer Ratsdörfern ebenfalls seit langem betrieben wurde. So entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit das typische Oberlausitzer Weberdorf, und es wurde die große Tradition der Textilindustrie bis hin zur Industriestadt begründet.
 

 

1667

Bau der ersten Kirche am gleichen, heutigen Standort auf Alt-Gersdorfer Flur.
Anstellung des ersten Kirchschullehrers. Beide Orte nutzten die Kirche. Die rasche Entwicklung der Kirchgemeinde führte
 
 

1738

zur Erweiterung der Kirche auf den heutigen Umfang.
 
 

1855

erfolgte der Aufbau der hölzernen Turmspitze, die
 
 

1868

durch heftigen Sturm abgeworfen wurde.
 
 

1872

wurde der Turm in seiner endgültigen Form aufgebaut.
 

 

Nochmals zurück zu Neu-Gersdorf auf dem Territorium der damaligen Herrschaft Rumburg:

 
 

1682

ging diese Grundherrschaft und damit auch Neu-Gersdorf durch Verkauf an den Fürsten zu Liechtenstein über. 1856 endete lt. Entlassungsurkunde vom 28.07.1856 die Fürstlich-Liechtensteinische Herrschaft von Neu-Gersdorf.
Obwohl beide Dörfer selbständig waren und verschiedenen Grundherrschaften angehörten, wuchsen sie allmählich aneinander und verschmolzen zunehmend durch persönliche Verbindungen, gemeinsame Vereine und öffentliche Einrichtungen, wie Kirche, Feuerwehr, Standesamt, Sparkasse, Bahnhof, Post.

Mit dem Aufblühen der Industrie, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entstanden Fabriken, Villen und große Geschäftshäuser. Neues Bebauungsgelände wurde aus den ehemaligen Hutungen erschlossen. Damit schloss sich nach und nach das ehemalige regellose Ortsbild aus den früheren zwei Ortsgründungen, ohne die offene Bauweise zu verlieren. Die alten früheren Bebauungen sind heute noch an der Stellung der Häuser zueinander und den winkligen Gassen bzw. Straßen zu erkennen. Zwischen den alten Straßenzügen zeigen sich die jüngeren Straßenanordnungen meist in Gitterform. Die Vereinigung der beiden Dörfer wurde im Gesamtbild immer augenscheinlicher.
Die Initiatoren der in die Zukunft weisenden Beschlüsse zur Ortsvereinigung waren namhafte, weitsichtige Bürger unseres Ortes, vor allem aus der früheren Textilindustrie sowie von Handwerk, Handel und Gewerbe.

Das wirtschaftliche Fundament war von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an mit der Gründung der wichtigsten großen Firmen der Textilbranche und des Textilmaschinenbaus gelegt, unterstützt von der Einführung der Dampfkraft und dem Eisenbahnanschluss. Die industrielle Entwicklung der Textilindustrie und des Textilmaschinenbaues führte zu Unternehmen von Weltruf.
 

 

Einige namhafte Gründungen seien hier genannt:

 
 

1834

Textilfabrik C. G. Hoffmann durch Carl Gottlieb Hoffmann
- erste Fabrikgründung -
 
 

1842

Carl Friedrich Hoffmann (später ab 1873 August Hoffmann)
Textilfabrik
 
 

1844

Christian Friedrich Herzog - Textilfabrik (später ab 1872 Hermann Herzog & Co.), heute Heytex Neugersdorf GmbH
 
 

3. Februar 1855

Einführung der Dampfkraft mit der ersten Dampfmaschine im "Fabrik - Etablissement" von C. G. Hoffmann
 
 

1. November 1874

Eisenbahnanschluss von Alt- und Neu-Gersdorf
 
 

1878

Carl Adolf Roscher - Webstuhlfabrik, heute MBN Neugersdorf GmbH (Maschinenbaubetriebe Neugersdorf)
 
 

1. Januar 1899

Vereinigung von Alt-Gersdorf und Neu-Gersdorf zu einer
Gemeinde "Alt- und Neugersdorf".
 
 

1. September 1899

Nochmalige Namensänderung endgültig auf Neugersdorf.
Die Ortsvereinigung wirkte sich positiv auf die Entwicklung des Ortes aus.
 
 

15. Dezember 1924

Neugersdorf wurde zur Stadt erhoben.
 
 

1931

Verleihung des Stadtwappens, der Kranich mit dem Hufeisen in der rechten Kralle. Die Stadtfarben sind Schwarz-Gelb.
 

 

Bedeutende Neugersdorfer Ortssöhne

 
 

Johann Gottlob Schneider

Geb. 1753 in Waltersdorf, kam 1787 als Lehrer und Organist nach Alt-Gersdorf. Bedeutendster Gersdorfer Kantor, meisterhafte Beherrschung aller damals bekannten Instrumente.
 
 

Dr. Friedrich Schneider

Geb. 1786 in Waltersdorf. Organist an der Universitätskirche und Gesangslehrer an der Ratsfreischule.
Ab 1813 Organist an der Thomaskirche zu Leipzig. Musikdirektor am Leipziger Stadttheater.
Schuf Konzerte und Chorwerke. Ehrendoktor der Universitäten Leipzig und Halle. Starb 1853.
 
 

Dr. Johann Schneider

Geb. 1789 in Alt-Gersdorf, genannt "Orgelkönig", 2. Sohn des Kantors Gottlob Schneider. Wurde in Leipzig Nachfolger seines Bruders als Organist an der Universitätskirche. Von Görlitz 1825 als Königlich-Sächsischer Hoforganist nach Dresden berufen, dort Direktor der Dreysigschen Singakademie. Ehrendoktor der Universität Leipzig. Starb 1864 hochgeehrt und weltbekannt in Dresden. Erinnerungstafel am Geburtshaus des "Orgelkönigs", Rudolf-Breitscheid-Straße 4.
 
 

Gottlieb Schneider

Geb. 1797, als 3. begabter Sohn von Gottlob Schneider. Wurde bedeutender Organist, der zuletzt an der Gnadenkirche zu Hirschberg tätig war. Er starb am 4. August 1856 in Hirschberg.
 
 

Ernst Moritz Ludwig Ettmüller

geb. 5. Okt. 1802 in Alt-Gersdorf, war Gymnasiast in Zittau, studierte zwei Jahre in Leipzig Medizin, wurde dort Burschenschaftler. Dann Studienaufenthalte in Dresden, Zittau, Görlitz und Prag.
1928 studierte er in Jena alte Sprachen und Literatur. Begegnung mit Goethe, 1831 Privatdozent.
1833 Berufung als Professor für altdeutsche Sprache und Literatur an das Obergymnasium nach Zürich, wo er später ganz an die Universität wechselte.
Er war eng befreundet mit Richard Wagner, den Familien Wesendonck und Wille und mit Gottfried Keller, Georg Herwegh und Ludwig Uhland. Zahlreiche literarische und wissenschaftliche Werke.
Er starb am 14. April 1877 in Zürich.
 
 

Carl Melzer

Geb. 1849, von 1880-1916 Pfarrer von Neugersdorf. 1903 brachte er die "Chronik von Neugersdorf" heraus. In unermüdlicher Kleinarbeit hatte er ortsgeschichtliches Material zusammengetragen. Er starb am 28. Februar 1928.
 
 

Rudolf Gärtner

1875 im Alt-Gersdorfer Kantorenhaus geboren. Durch seine meisterliche Erzählkunst wurde er einer der bedeutendsten Mundartschriftsteller und Heimatdichter der Oberlausitz.
Er starb 1952.
 

 

Quellen:

1. Fritsche, Karl August, Kirchschulmeister, Organist und Gerichtsschreiber zu Alt- und Neu-Gersdorf .
Ortsgeschichte der Parochie Gersdorf, d. i. Alt-Gersdorf mit Ebersbacher Seite und Neu-Gersdorf im Amtsbezirke Ebersbach, geschrieben im Sommer 1857.
Nachdruck im Auftrage der Stadtgemeinde Neugersdorf als "Chronik der Stadt Neugersdorf" (Ortsgeschichte der Parochie Gersdorf), ausgeführt von der Ostsachsen - Druckerei m. b. H., Löbau, 1929.
 
2. Melzer, Carl, Pfarrer.
Chronik von Neugersdorf.
Verlag Teller & Roßberg, Neugersdorf, 1903.
 
3. AG Heimatgeschichte im Kulturbund der DDR, Ortsgruppe Neugersdorf, und Rat der Stadt Neugersdorf.
Neugersdorf, Beiträge zur Ortsgeschichte.
Heft 1 (1984) bis Heft 6 (1990).
 
4. Museumsverein Neugersdorf e. V.
Neugersdorf, Beiträge zur Ortsgeschichte.
Heft 7 (1991) bis Heft 10 (1994)
 
5. Museumsverein Neugersdorf e. V.
Neugersdorf, Beiträge zur Heimatgeschichte.
Heft 11 (1995) bis Heft 14 (1998).
 
6. Werner Krahl
Ernst Ludwig Ettmüller - Biographische Skizze 1999
Löbauer Druckhaus GmbH 1999
 
In den seit 1984 (Heft 1) jährlich erscheinenden Ausgaben "Neugersdorf, Beiträge zur Ortsgeschichte" bzw. " ... zur Heimatgeschichte" sind geschichtsinteressierte Heimatfreunde bemüht, die seit Erscheinen der letzten Chronik bis 1999 nunmehr angewachsene Zeitspanne von rund 100 Jahren zu durchforsten sowie thematisch im Sinne der Ortschronik zu dokumentieren und diese damit weiterzuführen. Das soll auch künftig geschehen.

Die Hefte dieser Reihe können noch - bis auf die leider bereits vergriffenen Nummern 1 und 2 - käuflich über der Heimat- und Geschichtsverein ( Ansprechpartner Herr Christian Weise, Volksbadstraße 26, 02727 Neugersdorf ) oder die Buchhandlung Fiedler, Schillerstraße 4, 02727 Neugersdorf erworben werden.

Das Heft 24 dieser Reihe erschien anläßlich des 280. Jacobimarktes am Freitag, dem 25. Juli 2008.
 
 

Informationen kurz und knapp

Städtefusion
           die Vereinbarung über die Vereinigung
     der Städte Ebersbach/Sa. und
  Neugersdorf zur
    neuen Stadt
     Ebersbach-
    Neugersdorf
            ist
    beschlossen
Radio PSR
 am 8. September
           in
    Neugersdorf
 
 
 

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Letzte Aktualisierung: 04.09.2010
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